Ladakh

Eine Reise in eine andere Welt

Unter den Tempeln von Rishikesh

Ich erinnere mich noch an den unverwandten Blick, der meine Augen wie ein warmer Strom überflutete, diesen Blick, mit dem der Weißhaarige murmelte:

"Dieser Stein wird deinen sehnlichsten Wunsch unvergessen machen. Wer auch immer dich zu ändern trachtet, welche Spiele auch immer du spielst, um deinen Lebensfluss abzulenken, dein tiefster Wunsch wird wartend an deiner Seite stehen, dich betrachtend und beachtend und wenn eine andere Zeit gekommen ist, wird er sich dir in Freude erfüllen."

Die Hand, die diesen Stein in die meine drückte, war beinahe weiß vom Schürfen und Graben, die Haut war aufgeweicht oder von Schrunden bisweilen roh. Die Nägel waren abgeschliffen, so rund wie die Kuppen seiner sehnigen Finger.

Wie lange mochten sie schon den Ufergrund dieses Flusses durchsiebt haben? Wie hoch war der Wert, der solche Mühen entlohnen sollte, was war sinnvolle Arbeit, begründeter Aufwand und was bedeutete dagegen nur Zeitvertreib, Tändelei oder Sklaverei der Hoffnung?

Ich hockte auf einem kleinen Fels am Ufer des Ganges, verfolgte die braunen Strudel, die den aufgewühlten Schlamm flussabwärts trugen und dachte an die vielen Gläubigen und Hoffenden, die seit Ewigkeiten an diesen heiligen Platz am Fuße des Himalaya gepilgert waren, um dem Strom ihre Opfer zur Obhut zu übergeben. Vielleicht hatten sie gewünscht, ein Stück Schicksal zu erkaufen, ein wenig am Rad der Zukunft zu drehen, hatten Münzen ins Wasser fallen lassen, um den Regierenden der Welt zu beweisen: Seht her, auch ich verabscheue die schnöde Schwere des Geldes, es bedeutet mir nichts in den allgegenwärtigen Augen des Todes!

Der Weißhaarige wickelte seinen zerzausten Zopf zu einem Knäuel und band es in ein verblichenes, rötliches Kopftuch. Unter seinem Umhang griff er in eine Tasche, zurrte einen Lederbeutel hervor und öffnete die Schnüre. In einen löcherigen Plastikfetzen verknotet schimmerte stumpfgolden eine Münze. Feierlich deutete er mir, mit meinen jüngeren Augen die Inschrift zu entschlüsseln.

Er war einen guten Kopf größer als ich, seine langen Arme schlenkerten ziellos an seinem schlaksigen Körper hinunter und er warf einen Schatten auf mich, den ich in seiner ganzen Kühle gleichsam einzuatmen meinte. Von einer Hängebrücke warfen die Kinder einer indischen Familie kleine Reismehlkugeln, die die Händler überall am Wege tütenweise feilboten, in den wabernden, braunen Fluss. Dicke Karpfen balgten sich, wirbelten das Wasser auf und klatschten gierig mit ihren Schwanzflossen.

Ich bestaunte die Münze, die der Alte mir zur Wertschätzung übergeben hatte. Ihre englische Inschrift verriet, dass sie weit über hundert Jahre alt war. Die Löcher, die die massigen Felsen schon unterhöhlt hatten, ruhten vor mir wie tiefe Augen, und ich meinte das stetige Kratzen zu hören, mit dem die Bettler und Heiligen den feuchten Uferschlamm nach jeder Flut wieder und wieder durchkämmt hatten.

Mit einem anerkennenden Nicken reichte ich die Münze zurück. Barfuß, in seinen durchnässten Flickenwickeln rutschte der Mann den kleinen Felsen wieder hinab, tauchte zurück in die zeitlose Hoffnung, vielleicht ein Duplikat seines goldenen Schatzes zu erschürfen, versank in seiner fernen Welt. Und es schien mir, als triebe er auf den Wellen eines ewigen Flusses, indem er an seinem Ufer einem großen Glück Herr zu werden trachtete.

All das ging mir durch den Kopf und ich mochte wohl einen kleinen Morgen dort mit ihm verbracht haben, auf- und abwandernd oder mich hinhockend und in der grellen indischen Sonne badend.

Bis er erneut zu mir empor stieg, wie ein Kind Freude in den Augen, und meinen Arm ergreifend. Ich spürte etwas Kaltes, Feuchtes in meine Hand gleiten und Sand, der sich an der Haut meiner Handinnenfläche rieb. Er schloss meine Finger um einen kleinen, weichen Stein, presste sie mit beiden Händen fest zusammen, lächelnd. Er hatte etwas gefunden, sein Suchen für den klitzekleinen Moment eines Augenzwinkerns vergessen können.

Unter den Tempeln von Rishikesh, am anderen Ufer des Ganges strahlte das Immergrün des Dschungels. Der weißhaarige, alte Mann schien plötzlich um eine Handbreit kleiner. Und ich werde ihn nie vergessen, diesen unverwandten Blick, der meine Augen wie ein warmer Strom überflutete.

Choerten
 

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