Ladakh

Eine Reise in eine andere Welt

Regen oder Segen

Eine Geschichte aus einem Kloster im Himalaya

"Ein wolkenbruchartiger Regen über die Dauer von 12 Stunden hat gereicht, um die kleine Klosterklause des 39-jährigen Mönches Sonam Angdus in den Abgrund zu reißen."

Das hört sich wie eine alltägliche Nachricht aus heimischen Bergregionen an, doch es geschah im hochgebirgswüsten Zanskar, im nördlichsten Himalaja, im Krisendreieck China-Pakistan-Indien, 4300m über dem Meeresspiegel, dort, wo sich sonst kein Tröpfchen Niederschlag verliert.

Die weltweite Erwärmung der Erde aber, im Schnitt 0,6 Grad seit den letzten 100 Jahren, hat zu kräftigen verheerenden Stürmen geführt. Sie pressen seit etwa fünf Jahren die Wolkenschwaden des indischen Monsuns nun doch über die Sechs - und Siebentausender des südlichen Himalaya.

Die beiden Kammern von Sonam Angdus hatten, wie alle Häuser im Zanskar, keine wasserdichten Dächer. Der Lehmschlag auf den dünnen Reisiglagen war schnell aufgeweicht und die Feuchtigkeit sickerte in die Lehmziegelwände, weichte alles auf.

Sein Hab und Gut, Kochgeschirr, Gebetbücher und Schlafmatte konnte er noch in Sicherheit bringen. Den Rest schluckte die Schlucht des Tsarap, ein Nebenfluß des mächtigen Zanskar, der der Region seinen Namen gab.

Jeder der Mönchsgemeinschaft von Phuktal, dem Schwalbennest-Kloster, fasst, so gut es geht, mit an. Schon im Frühjahr sind die Grundmauern neu aufgesetzt worden, in den unteren Schichten mit Felsbrocken. Sie halten dem Druck und dem Wasser besser stand. Erst oberhalb dessen werden dann Lehmziegel vermauert.

Balken und Stöcke, dieses hochwertige, hier so seltene Baumaterial wurde wieder in die Klosterburg emporgetragen. Sie bilden die Decke.

Inmitten der Trümmer wuchsen so die bewehrten Wände an der Steilwand empor und am schwindelerregenden Abgrund steht Sonams Vater jetzt auf der Lehmziegelmauer, mit dem grauen Staub beschmiert und verschwitzt, und lässt sich die Schalen voll Schlamm nach oben reichen. Sein zweiter Sohn, eigentlich der Philosophielehrer des Klosters, wässert das Geröll, mischt den Matsch.

Das Lachen und Scherzen der wasserholenden Mönche hallt durch die Höhlengänge. In die Decke ist über dem dickröhrigen Gras nun eine Plastikfolie eingearbeitet, - man kann ja nie wissen! -, aber ihre Maße überspannen leider nur ein Drittel der Klause. Die Stelle, an der Bücher und Habseligkeiten lagern, wird trocken bleiben. Für Schindelholzdächer mit Gefälle reicht das Baumaterial nicht. Nur im inneren der Grotte, wo die heilige Quelle entspringt, wo Gebetsraum und Küche des Klosters liegen, bietet der Felsüberhang Schutz vor dem Regen, werden die brüchigen, uralten Farben der Wandmalereien und Tankas, der heiligen Rollbilder, erhalten bleiben.

Sonam Angdus zeigt stolz die je 4 Quadratmeter seiner beiden neuen Kammern. Die eine wird ein modernes, großes Glasfenster erhalten und er schreitet den Lichtraum ab, den die Wintersonne nach seinen Berechnungen ausleuchten und erwärmen wird. Schon ein gewichtiger Faktor bei minus 20 Grad. In der Mitte des Raumes wird der eiserne Herd stehen. Sonam wird eine verschließbare Abzugsklappe kaufen; und die Wände des Raumes sollen gekalkt werden...

"Cha tung", rufen zwei Novizen durch die niedrige Türluke. Auf einem Tablett bringen sie Tassen und ein Paket weicher, salziger indischer "Crack-Jack"-Kekse. Plaudernd sitzen wir um die dampfende Messingkanne und schlürfen süßen Tee. Ja, mit Zucker! Luxus am Fuße der Sechstausender, drei Fußmarschtage Schweiß von der nächsten Straße entfernt.

Der zweite, der Sommerraum ist noch nicht fertig. Zwei Wände stehen. Am Steilhang beratschlagen die alten Mönche den besten Platz für das Fensterloch. Sonam hat die Balken schon dreimal um den Chörten, das Symbol des Lebensrades, herumgetragen. Das bringt Glück. Die beiden Zimmerleute, schnell abgeworben aus dem Nachbardorf, haben schon an einem sonnigen Vorplatz des Klosters Platz genommen, um aus den Stämmen Balken zu hauen. 20x20 inches sollen die Scheiben werden. Ein großes Fenster. Und die Arbeit für ein Kloster verheißt Segen. Auch für die Handwerker gibt es süßen Tee.

Seit zwei Jahren hat Sonam das Kloster nicht verlassen. Übermorgen wird er nach Padum gehen, dort, wohin der "Hundert-Weg" die riesigen Lastwagen mit dem Glas fahren läßt...

Zanskar

Die kalten Finger der über den Boden kriechenden Schatten ergreifen auch die Arme der beiden Zimmerleute. Schnell noch den Rahmen mit Riemen zusammenzurren, mit einem kleinen Stock auf Spannung zwirbeln, das Werkzeug in die Lappen drehen und die Späne vor dem aufkommenden Wind retten. Ein kleiner Zigarettenstummel, Überbleibsel von der mittaglichen Teepause, glimmt gegen die Abendsonne. Das fertige Fenster lehnt am Fels. Es wird, so wie es ist, morgen eingebaut werden. Erst wenn der Lehm trocken ist, werden die Gurte gelöst.

Der Zimmermann schultert seine Tasche. Bedacht geht er den schmalen Pfad zum Klosterfelsen hinauf, murmelt den Göttern ein paar Verse in den Wind. Es ist inzwischen dunkel geworden. Das Zeitrad scheint angehalten. Raben starren aneinanderlehnend aus den Spalten der Steilwand.

Sonams Vater steht an der Feuerstelle. Der Rauch der Petroleumlampen rußt den Raum. Dass das Abendessen erst in zwei Stunden fertig sein wird, ist normal. Dass der Zimmermann aus einem Holzrest als Zugabe noch ein Handbrett für den Wandverputz zurechtzaubern wird, ist vielleicht auch normal. Dass die Späne dabei über die Yakhaardecken bis auf die Matratzen springen, ist bei seinen fleißigen Händen vielleicht auch ganz normal. Und die Kinder, die jetzt Novizen sind, wiederholen und wiederholen plappernd die alten Gesänge Tibets und das englische ABC. Eine Hobellocke flattert auf das Schulbuch und der Kleine schnippt sie fort, in hohem Bogen direkt in ein dampfendes Schälchen Buttertee. Der Zimmermann hält lächelnd inne. Er weiß, seine Arbeit hat sich schon jetzt gelohnt.

Choerten
 

Nach oben Inhaltsverzeichnis Kontakt