Ladakh

Eine Reise in eine andere Welt

Felsenküche

Die Luft war klar. Gebetsfahnen flatterten im kalten Wind. Beutegierige Krähen lugten zaudernd über den Fenstersims in die verrußte Höhlung der Küche, wackelten ungeduldig mit den Köpfen hin und her und beäugten erwartungsvoll jede Bewegung des kleinen, humpelnden Mönchs. Wann würde er den Kehrricht mit den Teigresten aus der Luke kippen? Wieviele Mehlfladen würden heute aus den Töpfen auf die Vorsprünge der Felswand schwappen?

Rauch waberte in einer dicken Rolle unter dem Fenstersturz empor ins Freie und für die Dorfbewohner jenseits des Flusses war zu sehen, dass wieder einmal Mittagszeit war im Kloster.

Der Mönch fegte den Küchenboden und in den Lichtsäulen der Sonne, die durch das Fensterkreuz gleißten, trieb aschiger Staub, blitzte auf im Blau der bitteren Rauchschwaden aus der Feuerluke und schlug sich mit dem Dampf aus dem mächtigen Bronzekessel an der Decke feucht nieder. Wie Teer glänzte dot oben der Ruß der Jahre. Dornengestrüpp kokelte und knackte in der Esse, Funken flogen.

Sonam Angdus rieb sich die Augen, hustete. Warum hatte ich ihn so selten unter den anderen Mönchen gesehen? Stetig folgte er seiner Arbeit, wich ihren Späßen aus, ihrem fröhlichen Treiben, bediente aber und umsorgte sie, kümmerte und mühte sich, wo immer es nötig war. Und wenn draußen Chörten zu weißen oder die Weiden zu wässern waren, murmelte der kleine Mönch Mantras in seiner Klause oder werkelte allein in der Felsenküche und es schien manchmal, als führe er ein stetiges Gespräch mit den Krähen am Fenster.

Churpe

"Warum tauschst du so selten diesen Küchendunst mit der klaren Bergluft da draußen?" fragte ich ihn einmal und winkte ihn beinahe hin zu dem Klosterweg, zu den Novizen, die sich gerade im sonntäglichen Weitsprung übten. "Lauf, lauf, die Welt ist dort draußen!" rief ich.

"Ich bin nicht mehr und nicht weniger als ein Koch!" antwortete er und sein Blick wanderte aus der Fensterluke an den Krähen vorbei wohl bis über die Grate der Berge, ins Endlose. Und plötzlich verschmitzt lächelnd schnitzte er den grünen Kopf eines Rettichs mit einem gekonnten Messerhieb in die Abfalltonne und flüsterte: "Und sterben wir winzigen Menschen nicht alle gleich?"

Der Singsang aus dem Versammlungsraum verstummte. Das Muschelhorn tönte über die Klosterklausen und die kleinen Roten rannten Staub aufwirbelnd zum Eingangsportal. Nach einer Verbeugung und dem Gebet gab es eine köstliche Mehlfladensuppe, dazu reichlich dampfenden Buttertee. Beinahe ein Festmahl. Gesättigt rannten alle mit Teller- und Löffelgeklapper zur Küche zurück. Tief unterhalb am Fuße der Felswand hörte man das Rauschen des ewigen Flusses.

Sonam Angdus sammelte mühselig Teigfladen aus dem Staub, aus dem Topf und klaubte die Reste aus den Ritzen des Knetbrettes, formte einen Teigteller und glättete mit befeuchteten Fingern kunstvoll seine Kanten. Die Krähen hatten den Beutebrocken längst entdeckt, hoben ab und ihre schwarzen Körper zuckten wie Schatten über den blauen Himmel. Der Mönch trat hinaus auf den Gang, drückte mit seinen Fingernägeln noch ein paar winzige Rillen in die Oberfläche und schleuderte schließlich die Scheibe fort, weit fort, weit hinunter. Ein kreischender Vogelkegel regnete in die Schlucht.

Der Fluss wühlte sein eisklares Wasser am Kloster vorbei und Sonam schaute den Wellen nach. Er lächelte.

Choerten
 

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