Ladakh

Eine Reise in eine andere Welt

Abendsonne

Gerade war der greise Mönch nach seiner täglichen Meditation von der Gipfelzinne gestiegen, ein kräftiger Abendwind wirbelte seine Böen in die Winkel der Felsen, pfiff feinen Staub auf, die frischgebrochenen Cotoneasterzweige rochen nach Ingwer und der Himmel war wie ein Wellenmeer von Wolkentürmchen übersät, da kam ein Wanderer daher, scheinbar auf seinem Weg dem Gipfel entgegen. Er hatte den Mönch an seiner roten Kutte erkannt und machte schon vorher Halt. Nach einem kurzen Gruß des anderen fragte er unverwandt: "Wieviel Wirklichkeit, meinst du, weiser Alter, ist der Mensch auszuhalten in der Lage? So eine Abendsonne, so ein Tag! Sähen wir alles, wie es ist, verglühten unsere Sinne da nicht vor Überreizung? Und ist das der Grund, weswegen alle Menschen in Traumbilder fliehen?"

Der Mönch stutzte, warf das rote Robenende mit geübtem Schwung über die Schulter und sagte: "Viele Worte, Reisender! Doch sind sie nicht alle auch nur fahle Abbilder der Wirklichkeit?"

Der andere stockte, schluckte, nahm auf einem Felsvorsprung Platz. Dann kramte er aus seinem Bündel eine Wasserflasche und reichte sie dem Mönch mit den Worten: "Löscht großer Durst brennende Fragen?"

"Schon wärmer scheint mir da die Sonne," entgegnete der Alte, trank und ging seinen Weg.

Choerten
 

Nach oben Inhaltsverzeichnis Kontakt